Lose Fusseln im Kopf

Es ist ja wie es ist. Auch mein Leben hat mal irgendwo in einem Kreißsaal begonnen. Zwischen Hebamme und Gebärstuhl und damals noch ohne PDA, nur mit starkem Willen und der bitteren Erkenntnis: "es gibt jetzt auch kein Zurück mehr." Mit Käseschmiere hinter den Ohren und geschlossenen Augen habe ich als ganz normales Durchschnittsbaby das Licht der Welt erblickt. Zimperlich war da keiner, wurde man doch am Fuß nach oben gerissen und mit einem Klaps auf den Po im Leben begrüßt.


Meine Kindheit war eigentlich ziemlich normal. Wir waren halt Kinder der 80er und 90er. Das Leben spielte sich hauptsächlich draußen ab. Smartphones gab es nicht, es gab feste Zeiten und zwar: “du kommst rein wenn es dunkel wird” und “wir treffen uns nach dem Essen.”


Streit gab es immer mal, aber den haben wir unter uns geklärt, mit Worten und wenn es sein musste auch mal mit kleinen Mäusefäusten. Es gab keine Jeans ohne Flicken und keine Knie ohne Pflaster. Zur Schule sind wir zu Fuß gelaufen. Weil wir es wollten und weil wir es konnten. Und weil unsere Eltern es wollten und gar nicht anders konnten. Das Highlight meines tristen Schulalltags bestand darin, sich einmal in der Woche in den Kellerräumen der Grundschule einzufinden, um dort gemeinschaftlich mit Elmex Gelee die Zähne zu putzen. 2 Minuten ohne Pause und ohne Wasser! 
Es gab bei uns zu Hause keine Spielekonsolen und im ganzen Haushalt nur einen einzigen Fernseher für alle. Wenn man Glück hatte, sogar mit Kabelanschluss. Diskutiert wurde das Fernsehprogramm nicht. Es lief was der TV gerade hergab und FSK wurde damals noch totgeschwiegen. Was hätte man auch anderes tun sollen?? Videorekorder brachten zumindest ein bisschen Flexibilität in unseren Medienalltag. Filme wie *Dirty Dancing* schafften es damit unter die top ten der wöchentlichen Filmwiederholungen, wenn mal wieder kein aktueller Tatort lief. Das Leben schien also soweit völlig normal. Wir lebten, so wie alle in den Tag hinein, ohne Plan halt. Und ohne Sorgen. Wie Norddeutsche Kinder das eben so tun, hinterm Deich.

Die Sache mit den Fusseln


Ich weiß aber ehrlich gesagt auch nicht so ganz genau, wie das bei mir mit diesen losen Fusseln überhaupt passiert ist. Ich hab mich das schon so oft gefragt aber einen wirklichen Auslöser habe ich nie finden können. So wie zum Beispiel Spiderman. Der wusste nach dem Spinnenbiss direkt was Phase ist. Bei mir war es da eher wie bei Harry Potter. Eine angeborene Fähigkeit, die irgendwann merkwürdig auffiel. 


Ich habe mir in der 2. Klasse so ein Album von meinem Taschengeld gekauft. Es war schwarz und die Seiten rosa, übersät mit zart weißen Doppelherzchen, man konnte es mit einem Schloss vor neugierigen Mitlesern verschließen. Und Nein, es war kein Beipackzettel eines herzkräftigenden Medikaments! Dieses Buch sollte mich die nächsten zwei Jahre durch meine verbleibende Grundschulzeit begleiten und sogar meine erste große Verliebtheit mit mir teilen. 

Wenn Worte zu Bildern werden


Das Erlernen des Lesens und Schreibens eröffnete mir plötzlich unendliche Möglichkeiten und obwohl ich kaum eine Rechtschreibregel beherrschte, begann ich, dort meine erste Geschichte hinein zu schreiben. Über Pferde und Mädchen und ohne Jungs. Über Abenteuer und Freunde. Und die Fusseln konnten zum ersten Mal völlig frei durch die Sphären ziehen und meine Welten erfinden. Durch das geschriebene Wort manifestierten sich plötzlich meine Gedankengänge. Es war wie ein Bild aus Worten, das man auf ein Papier malt. Die Buchstaben werden zu lebendigen Fantasien, die jeder anders erlebt.Das führte dann auch irgendwann dazu, daß die Worte auf Papier mehr und mehr ihre eigenen Wege gingen. Niemals besonders gerade und schon gar nicht zielstrebig. Sondern eher völlig absurd, unorthodox und verwirrend. 


Und dann wurde ich irgendwann erwachsen, übernahm Verantwortung und bin da irgendwie in dieses Familiending hineingeraten, meine Fusseln kamen kurzzeitig zum erliegen, um dann mit voller Wucht neu aufgewirbelt zu werden. Und so sitze ich jetzt hier, an meinem Fenster und schaue bei einer Tasse Kaffee hinaus auf die Welt, auf unsere Welt und mache sie Stück für Stück zu meiner eigenen und sehe statt grau asphaltierter Straßen Pfade aus weißer Zuckerwatte und Bäume mit goldenen Blättern, die Autos werden zu rosa Elefanten, die sich in einer schier endlosen Reihe hintereinander gemächlich vorwärts bewegen. Laternen werden zu Jahrhunderte alten Eichen, in deren Baumwipfel kleine Äffchen hin und her springen und Glühwürmchen ihre leuchtenden Kreise ziehen. Straßenschilder verschwinden, stattdessen sitzen dort stumme Steinriesen und beschützen die Welten. Und auf dem Boden wuseln Waldfeen und Zwerge, die emsig ihre Taschen mit Kastanien, Eicheln und Pilzen füllen. 

Hereinspaziert in den Irrsinn


Ich habe uns in diesem Irrenhaus genügend Plätze in der ersten Reihe reserviert und bin bereit meine Fusseln mit euch zu teilen. Ich hab mir dafür extra so ne kleine Nagelschere besorgt, damit ich sie Stück für Stück nachhaltig abschneiden und bei Bedarf verteilen kann. Ich bin ziemlich aufgeregt, denn eigentlich hab ich sowas vorher noch nie so richtig gemacht. Ich tanze auf der Grenze zwischen Alltag und Wahnsinn und versuche Normalität mit Aberwitz zu vereinen. 


Ich bin dabei stets bemüht nicht zu stolpern, denn ich kann schlecht Blut sehen. Ich könnte deshalb manchmal ein bisschen Hilfe von außen gebrauchen. Wer also seine Fusseln mit meinen teilen mag, ist herzlich dazu aufgefordert dies zu tun! Ich stell gerne eine Kanne Heißgetränk und ein paar Kekse auf den Tisch, das sollte zunächst reichen für unsere gemütliche Runde. 


You’re welcome

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Abonniere die E-Mail Benachrichtigung bei neuen Beiträgen.