Ich bin ja schon ruhig, rück mit der Kraft rüber

Manchmal stolpere ich mehr schlecht als recht durch meinen Alltag. Vollgepackt mit Dingen, die ich möglichst termingerecht erledigen muss. Timer, Planer und Co. habe ich mittlerweile über Bord geworfen und verlasse mich auf meine Intuition. Um mich sollte eigentlich alles ruhig sein, entschleunigt ist das Keyword. Kein unnötiger Konsum, keine Abwechslung, Langeweile und viel Zeit, die es rumzubringen gilt. - Eigentlich!

Ich frage mich, wieso das nicht für mich gilt? Gefühlt habe ich mittlerweile überhaupt keine Zeit mehr. Die Arbeit ist unruhig, unbeständig auf eine unangenehme Weise und bringt mich derzeit aus dem Konzept. Corona hat damit ausnahmsweise mal nichts zu tun. Ich fahre die meiste Zeit zur Arbeit. Homeoffice ist nur partiell möglich. Es überwiegt der ganz normale Büroalltag. Das ist ok, ich will mich nicht beschweren. Die Straßen sind morgens leer und es gibt Struktur in meinem Leben. Eigentlich läuft es für mich derzeit so normal, dass ich sogar häufig meine Maske vergesse, wenn ich aus dem Büro gehe. Natürlich drehe ich dann um. Ich weiß nicht, wie häufig ich diesen unnötigen Bewegungsablauf in den letzten Wochen bereits vollzogen habe. Sicherlich unzählige Male, in denen ich zwei Schritte vor und drei zurück gehe.

Corona mit Kind

Dann sind da die Kinder und auch wenn niemand mehr etwas über das Thema homeschooling hören möchte, nehme ich mir jetzt trotzdem heraus zu sagen, wie mich dieses Thema anstrengt. So wurde ich doch neulich erst sehr eindringlich darüber informiert, als ich über bestehende Diskrepanzen zwischen mir und meinen Kindern berichtete, dass es ja früher ganz anders war und die Eltern nie bei den Hausaufgaben geholfen haben. “Damals haben wir alles alleine gemacht!”

Haben wir das wirklich? Ich kann mich an eine ähnliche Situation wie diese überhaupt nicht erinnern, aber wer bin ich schon. Oder war das etwa eine unterschwellige Kritik an einer übertriebenen Einsatzbereitschaft meinen Kindern gegenüber? Bin ich etwa zu angestrengt dabei und sollte meine Kinder vielleicht besser alleine laufen lassen, hinterfrage ich kritisch meinen eigenen Standpunkt nach dieser Aussage. Als Helikopter Mutter würde ich mich selber nun wirklich nicht bezeichnen.War es denn damals auch so, dass ganz neue Themen in Form von Hausaufgaben erlernt werden mussten ohne das Zutun von an Ort und Stelle ansässigen Lehrern? Vielleicht hätte ich einfach erwähnen sollen, dass meine Kinder durchaus in der Lage sind, ihre Hausaufgaben selbständig zu erledigen. Aber ich war einfach zu müde. Manchmal kostet mich selbst reine Gegenargumentation zu viel Anstrengung.

Hand in Hand zwei Hände halten sich. Vater und Kind

Verständnis ist grad aus, wird aber nachbestellt

Und während ich grad noch darüber nachdenke, wie ich am besten alles unter einen Hut bekomme, soll plötzlich ein Spätdienst eingeführt werden. Natürlich würde ich an dieser Stelle gern erwähnen, dass es einen bestimmten Grund gibt, weshalb ich nur in Teilzeit und am Vormittag arbeite. Geld im Überfluss ist es jedenfalls nicht.

Und so klafft die Schere zwischen Arbeit und Familie noch ein Stück weiter auseinander. Wenn dann noch der Vorschlag in den Raum geworfen wird, die Arbeitszeiten aufgrund von Corona zu entzerren und großzügiges zeitversetztes Erscheinen vorausgesetzt wird, anstatt Homeoffice Möglichkeiten anzubieten, dann wird es ja fast schon absurd.

Energie verschwendendes Onlinechaos

Absurd – Was mich zu den Hausaufgaben der Kinder zurückbringt. Sollte ich sie wirklich dem Chaos des völlig ungeplanten online Unterrichts überlassen? Wo Online Unterricht ständig verschoben wird, oder gar nicht erst stattfindet. Es diverse Chaträume gibt, Padlets, Antons, YouTube, emails, iservices, Adobes, Aufgabenmodule, und und und…dann würden sie über kurz oder lang darin versinken und nie wieder auftauchen.

Es bleibt also nur das allabendliche gleiche Spiel, nämlich alles zu durchforsten und zu schauen, ob alles auf Stand ist. Was nicht verstanden wurde, wird abends nachgeholt und endet dann im fröhlichen Abfotografieren und Versenden diverser Dateien. Der erste Versuch scheiterte kläglich, da ich nicht nur der Lehrerin die Datei schickte, sondern zusätzlich der ganzen Klasse. Herrje, das Kind war wirklich peinlich berührt. Danach wurden Englisch und Philo Dateien vertauscht und ein Zugangscode in Mathe ging unter und ward nie wieder gesehen. Bei zwei Kindern summiert sich das relativ schnell und der Abend ist gelaufen.

Selbst ist die (Haus-)Frau

Ich koche jetzt zusätzlich noch jeden Tag. Also jetzt nicht vor Wut, sondern in Topf und Pfanne. Und ich hasse es! Es strengt mich an. Ich möchte nicht jeden Tag darüber nachdenken, was es zu essen gibt. Aber ich muß. Mir ist schon klar, dass ich nicht tagtäglich Pizza, Pasta und Co. auf den Tisch bringen kann. Aber an besonders anstrengenden Tagen ist das zumindest eine gute Alternative. Leider werden die anstrengenden Tage tendenziell mehr.

Ich kann nicht sagen, dass mir diese Zeit grad besonders viel Ruhe gibt. Eher fehlt der Ausgleich zu all dem was anfällt. Wo man sonst mal ins Kino geht oder Freunde trifft, da gibts jetzt keine Alternative. Ich laufe viel, bekomme dadurch den Kopf frei. Besonders wenn alles zuviel wird, bin ich froh, dass ich raus kann. Ich habe in einer Zeitschrift die Anleitung für Meditation gefunden und ich habe es ausprobiert. Ganz ehrlich, es hat nicht funktioniert. Ich habe immer und immer wieder versucht, bei mir und meinem Atem zu bleiben aber viel zu schnell war ich beim Wäsche aufhängen, bei anstehenden Terminen, beim Staubsaugen, bei den Aufgaben der Kinder. Es gab so viele Gedanken, die mein Vorhaben immer wieder durchkreuzten und hätte mit mir jemand zuvor eine Wette abgeschlossen darüber, ob ich 10 Minuten durchhalte, ich hätte deutlicher nicht verlieren können.

Landschaft Blick in den Fluss

Mentale Stärke durch Ruhe

Aber ich habe auch gelesen, dass man dabei bleiben soll und dass man so etwas üben kann. Ich werde also weiter versuchen, meinem Atmen zu folgen und mich nicht ablenken zu lassen. Denn es gibt ja diesen Sinnspruch “in der Ruhe liegt die Kraft”. Da muss doch auch was dran sein, denke ich. Und wenn ich die Ruhe nicht habe, dann muss ich sie mir wohl antrainieren.

Klingt das bei anderen denn eigentlich nur so einfach oder bin ich einfach zu unfähig? Vielleicht zu verplant? Ich war nämlich eigentlich noch nie die mit dem Plan, die zwischen Arbeit, Haushalt und Familie auch noch in der Schule auftauchte, um beim Kekse backen zu unterstützen. Ich war dann immer eher die, die den Termin fast verpennt hat und am Ende die Keksdose vergisst. Ich weiß nicht, wie das andere immer so völlig perfekt auf die Reihe bekommen. Ich jedenfalls komme des öfteren an meine Grenzen und da gibt es auch nichts schön zu reden. Willkommen in der Realität.

Und dann fehlt manchmal einfach die Kraft und manchmal kommen auch mal die Tränen und das tut dann sogar gut, wenn man mal alles loslassen kann. Vielleicht ist es diese Ruhe, die einem die Kraft wieder gibt. Quasi die Ruhe vor dem Sturm, oder in diesem Fall die Ruhe danach.

Mut zu sagen wie es ist

ich will auch eigentlich gar nicht jammern und ich will auch kein Mitleid. Ich will einfach nur sagen, dass das Leben auch echt ein Arsch sein kann und das man das auch ruhig mal zugeben kann. Und das die Grenzen sich eigentlich ständig verschieben und man sich mal mehr und mal weniger weit entfernt davon befindet. Und dass das völlig normal ist auch mal ein Stück zu weit drüber zu stolpern, weil einem das Leben grad einen ordentlichen Arschtritt verpasst hat. Aber zum Glück machen wir neuen Optionen immer wieder Platz, ergreifen Chancen. Und so folgt auch auf jedes Tief immer wieder auch ein Hoch. Und weil wir das wissen, und das Ufer sehen, geht es sich leichter durch den Sumpf ohne stecken zu bleiben.

2 Antworten auf „Ich bin ja schon ruhig, rück mit der Kraft rüber“

Moin werteste Kollegin, wenn jemand den derzeitigen „Wahnsinn“ beschreiben kann, und dazu noch so perfekt und treffend-dann hast Du heute und jetzt und für mich-den Nagel auf den „Kopf“ getroffen 👍😘👏Ich habe mich in allen Punkten wiedergefunden und vielleicht ist das jetzt für Dich -Deine Motivation und somit der kleine oder große Sieg des heutigen Tages: Wir bzw. ich habe nur ein Kind und ich bin kräftetechnisch nicht mal mehr in der Lage abends oder wann auch immer -joggen zu gehen. Ich bin also der noch größere Looser😩-keine Kraft mehr -für nichts. Meine 30 min früh mit unserem Hund sind alles am Tag was ich neben Familie und Beruf zustande bringe…willkommen im Hamsterrad -die nächste Runde geht auf mich.👍😘Danke für das Teilen Deiner Situation und Deiner Gedanken 👍😘P.S. Die Sache
mit der Meditation: Geht
mit genauso, funktioniert irgendwie nicht (bei mir), na jedenfalls kann ich mir somit teure CD‘s oder Apps dann sparen. Habe den Tag den Du Dir wünschst…..das wird irgendwann auch wieder klappen 👍😘🙋🏻tschüss LG Nicole

Danke für deine ehrlichen Worte! Es ist schön wenn man nicht alleine ist. Ich steh nicht auf Jammern aber manchmal wird es erst besser wenn es gesagt ist. Looser sind wir ganz sicher beide nicht. Der Alltag verlangt schon ne volle Packung. Ich freue mich auf andere Zeiten. Hoffentlich bald. Auch im Interesse der Kids, die noch viel mehr die Leidtragenden sind. – Meditation, vergiss es 🙈 vielleicht im nächsten Leben.

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